Marco Kolditz

Was bedeutet Kunst für mich?

von Marco Kolditz, 2002

Anfang des Jahres 2011 habe ich einen alten Text von mir wiedergefunden, den ich im Alter von 21 Jahren im Jahr 2002 privat geschrieben habe. Diesen Text möchte ich an dieser Stelle unverändert veröffentlichen. Er handelt von meiner Sicht auf die Kunst, meine Motivation, den direkten Bezug auf das Leben, die Vergangenheit und die Zukunft:

Was bedeutet Kunst für mich?

Poesie, Film, Musik - Geschichten – sie alle bedeuten mir so viel. Doch was genau fasziniert mich daran? Und was ist meiner Ansicht nach das Ziel, der Zweck dieser Künste?

Ich kann die Antwort mit einem einzigen Wort geben: Gefühl.

Um diese Antwort deutlicher zu machen, muss ich ein wenig ausholen: In unserer Welt gibt es so viele Ereignisse, so viele Momente, die wir nicht auskosten, da uns Arbeit und Sorgen den Kopf verschmutzen, uns ihnen gegenüber blind machen. Wir wurden in unsere Gesellschaft hinein geboren und folgten seit unserer Geburt unbewusst dem gleichmäßigen Strom der früheren Generationen. Wir wuchsen mit der Gewissheit auf, dass der Weg, den uns unsere wohlwollenden Eltern und viele weitere Menschen um uns zeigten, der richtige sei – der lebensbejahende, sichere und korrekte Weg, der uns eines Tages zur Glückseligkeit und Sicherheit, damit zur Ruhe, Gelassenheit und Freiheit führen soll.

Jedoch erscheint das Leben dennoch wie ein Programm: Plan und Ordnung bestimmen unser Leben. Kindergarten, Schule, Studium, Beruf, Rente, Tod. Irgendwann wachen manche Menschen auf und befinden sich plötzlich in der „Midlife Crisis“. Sie schauen zurück auf ihre Vergangenheit und erkennen schmerzlich, wie schnell die Zeit ihres eigenen Lebens vergangen ist - wie weit sie doch von ihren eigenen Träumen und Wünschen, ihrem ganz individuellem Ziel entfernt sind. Sie haben ihren eigenen Träumen nicht genügend Beachtung geschenkt, sie waren verwoben und gefangen in dem Gewirr von Plänen, Wegen und Lebensläufen, Papierwirtschaften und Noten, die unsere Gesellschaft bestimmt. Dabei besitzt jeder Mensch stets die Macht und Kraft in sich, sich gegen diese „vorgegebenen“ Wege zu behaupten und den eigenen, individuellen, frei gewählten Weg zu wählen. Doch viele sind zu gemütlich und folgen lieber dem sicheren Weg, der sich bei früheren Generationen „scheinbar“ schon so oft als richtig erwiesen hat.

Nun stehen diese Menschen da - sie schauen zurück auf ihr vergangenes Leben und sehen, wie wenig Zeit ihnen noch bleibt, ihre eigenen Träume in die Tat umzusetzen. Sie verfallen oft in starke Depressionen und Trauer, in Selbstmitleid und Selbstaufgabe, bis sie sich dem normalen Weg wieder verschwören und sich auf diese Weise wieder in den Schlaf zurückfallen lassen, in dem sie die ganzen vorigen Lebensjahre lagen – und schlafen vielleicht fester als zuvor; sie geben sich auf und verdrängen die Gewissheit, ihr eigenes Leben doch so wenig gelebt zu haben.

Für mich bedeutet Kunst, die Gefühle, die Leidenschaften und Erfahrungen, die manche Menschen in ihrem Leben aus oben genannten Gründen nicht erleben, zu vermitteln. Mein Verständnis von Kunst besagt allerdings, diese Gefühle nicht vorgekaut oder auf einem Silbertablett zu servieren, sondern so zu verpacken, dass die Zuschauer, Zuhörer oder Leser dieses Gefühl selbst entdecken müssen, um es nachempfinden zu können, indem sie es eigenhändig aus der Verpackung lösen, Zusammenhänge erkennen, Situationen nachempfinden und sich in die Geschichten hinein fallen lassen, um „mittendrin“ zu sein.

Die besten Gedichte sind für mich zum Beispiel diese, welche nicht Wort für Wort genau beschreiben, um welche Gefühle und Situationen es sich dreht, sondern solche, welche auf eine gewisse abstrakte Weise, durch so genannten „Subtext“, dem Leser nur etwas andeuten – den Sinn muss der Leser selbst erkennen; und kann somit auch seine Bedeutung nachempfinden. In dem Kopf des Lesers beginnt es zu arbeiten - es muss eine Kettenreaktion ausgelöst werden, eine Verständniskette, welche den Leser zu dem beabsichtigen Gefühl, zu der beschriebenen Erfahrung leitet. Bildlich gesprochen wird dem Mensch nicht erklärt, wie dunkel, unheimlich und erschreckend ein Wald in der Nacht sein kann – nein, es wird ihm nur der Weg durch den Wald gezeigt, so dass er ihn alleine gehen muss. Diejenigen, die nicht dazu bereit sind und behaupten, das Gedicht sei zu anspruchsvoll, sehen beim Durchlesen diese Tiefgründigkeit nicht. Leser mit offenen Augen und freiem Geist erkennen sehr vieles und es stellt ein Vergnügen dar, den Code, den ein gutes Gedicht darstellt, zu dechiffrieren und das Gefühl selbst zu erleben – selbst durch den Wald zu schreiten.

So ist es auch beim Film, bei der Musik, der Kunst allgemein. Gute Kunst fängt nach meiner Auffassung Gefühle, Eindrücke, Erfahrungen ein und vermittelt sie in Form eines gut durchdachten Codes mit Subtext durch Handlung und Dialog an den Leser, dem Zuschauer, dem Zuhörer, welcher alles selbst decodiert und auf seine individuelle Weise die so empfundenen Eindrücke aufnimmt. Diese Art von Kunst bedarf einer guten Menschenkenntnis, vieler positiver und negativer Erfahrungen und einer großen Beobachtungsgabe. Nur auf diese Weise erhält ein Künstler die Werkzeuge, mit denen er derartige Wunderwerke schnitzen kann. Andernfalls ist er nur ein weiterer „Künstler“ im gleichmäßigem Strom der Gesellschaft, der als Marionette der Gesellschaft fungiert und illusioniert, ein großer Künstler zu sein – spätestens das gescheite Publikum wird jedoch den Unterschied zu einem leidenschaftlichen Künstler entdecken und zu schätzen lernen. Musikgruppen, denen die Texte in den Mund gelegt und Melodien auferlegt werden, sind keine Künstler – es sind bedauernswerte Marionetten geldhungriger Produzenten und Musikkonzerne. Man muss neben eine solche Gruppe nur einen Künstler stellen, der seinen ganz eigenen Weg gegangen ist, seine positiven und auch negativen Erfahrungen gemacht hat und aus reinster Leidenschaft singt oder spielt… man wird den Unterschied nicht nur hören und sehen – man wird ihn spüren.

Für mich gibt es daher nur die wahre Kunst. Die Kunst, welche Geduld, Gefühl, Erfahrung, Menschenkenntnis und die Gabe voraussetzt, die Welt mit offenen Augen beobachten zu können, ohne sich allzu sehr verbiegen zu lassen. Natürlich bedarf es heutzutage einer gewissen Verbiegung, um in der Gesellschaft leben zu können. Dies muss aber nicht negativ bewertet werden; man sollte es eher als einen Kompromiss ansehen, der es ermöglicht, sehr viel freier zu sein als die Menschen, die sich komplett verbogen haben, und trotzdem in relativem Einklang mit ihnen zu leben. Die Freiheit findet hierbei zum größten Teil im Geiste ihren Platz, wo sie beginnt, und von wo sie langsam und geduldig nach außen voran geht.

Du selbst besitzt die Freiheit, Dich in negativen Erfahrungen zu verlieren, aber bedenke: Wenn Du zu lange in einen Abgrund schaust, schaut der Abgrund auch in Dich. Somit steht es Dir frei, aus einer negativen Erfahrung auch etwas Positives zu ziehen. Denn keine Erfahrung, ob gut, ob schlecht, ist wertlos. Jede besitzt einen großen Wert, der Dich reifer, erfahrener und einsichtiger macht. Nimm jede Erfahrung als Geschenk entgegen und Du wirst sehr viel glücklicher durchs Leben wandern. Lasse Dich nicht in Selbstmitleid und endloser Depressivität fallen, lebe in der Gegenwart; die Vergangenheit ist Dein Besitz, an der Du immer erkennen kannst, wie erfahren Du wirklich bist; werde stark aus Deinen Erfahrungen, im Geiste. Übe Deinen Geist und Du wirst nach negativen, traurigen, verletzenden Erfahrungen immer schneller wieder vom Boden aufstehen und Dich dem Leben stellen können.

Diese wahre Kunst, das Vermitteln von Gefühlen und Erfahrungen durch geschickt verpackte Geschichten, Melodien, Texte, möchte ich leben: In Form von Geschichten in Filmen, Spielen, Büchern und Musik; nicht allein, sondern mit gleich gesinnten Künstlern, die ebenfalls aus Leidenschaft und Überzeugung heraus ihren Weg gehen.

Ich werde auf der Hut sein, dass ich nicht von dem breiten Strom mitgerissen werde, der mich zu den Künstlern treibt, die als Marionetten fungieren.

In diesem Sinne,
Marco Kolditz

08. Dezember 2002

Bild rechts:
Regen (Selbstporträt M.K.)
Fotografie und Retusche
2007
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