Keep Driving schickt Euch in einem alten Auto durch einen endlosen Sommer der frühen 2000er Jahre. Zwischen Tankstellen, Trampern und Pannen verbindet das Spiel einen Roadtrip mit Ressourcenmanagement, rundenbasierten Straßenereignissen und mehreren möglichen Enden. Mein Test zum PC-Spiel!
Keep Driving stammt vom schwedischen Indie-Studio YCJY Games und erschien bereits am 6. Februar 2025 für den PC. Statt Euch selbst ans Lenkrad zu setzen, präsentiert sich das Spiel als sommerlicher Roadtrip in Form einer Mischung aus Rollenspiel, Adventure und Ressourcenverwaltung. Eure Reise führt Euch durch eine prozedural zusammengestellte Welt mit Städten, Tankstellen, Werkstätten, Landstraßen und wechselnden Ereignissen. Dabei entscheidet Ihr nicht nur über die nächste Etappe, sondern auch darüber, wen Ihr mitnehmt, welche Vorräte im Auto landen und wofür Ihr Euer knappes Geld ausgebt. Den Rahmen des Spiels bildet dabei ein junger Mensch, der zu Beginn der 2000er mit seinem ersten Wagen aufbricht. Ein Musikfestival am anderen Ende des Landes liefert zunächst das Ziel, doch unterwegs können andere Geschichten und Enden wichtiger werden. Nach späteren Aktualisierungen bietet die Steam-Fassung mittlerweile sogar deutsche Texte und zusätzliche Inhalte. Ein einzelner Durchlauf ist bewusst überschaubar konzipiert, um durch verschiedene Routen, Mitfahrer und Entscheidungen zu weiteren Reisen einzuladen.

Die Story von Keep Driving: Ein Sommer ohne festen Fahrplan
Zu Beginn erstellt Ihr keinen Helden mit umfangreichen Attributen, sondern legt nur einige Eckpunkte seines bisherigen Lebens fest: Der Beruf, das Verhältnis zu den Eltern und die mitgenommenen Gegenstände wirken sich dabei direkt auf Eure Reise aus. Gute familiäre Beziehungen können beispielsweise dann helfen, wenn Geld, Sprit oder Fahrzeugzustand keinen Ausweg mehr lassen.
Die Einladung zu einem Musikfestival setzt das erste Ziel auf Eurer Karte. Keep Driving erzählt allerdings keine streng definierte Geschichte, die Euch von einer Zwischensequenz zur nächsten jagt, sondern sie entsteht unterwegs: Der Weg ist das Ziel. Ihr trefft unterschiedliche Menschen am Straßenrand, lasst sie stehen oder nehmt sie mit und erfahrt in kurzen Gesprächen, weshalb sie eigentlich unterwegs sind. Manche bitten um einen Umweg oder eröffnen eine eigene Aufgabe. Aus zunächst namenlosen Typen wie einem Punk, einer Braut oder einem Kind entwickeln sich Begleiter mit kleinen Eigenheiten, nützlichen Fähigkeiten und manchmal auch lästigen Angewohnheiten.

Das Spielt hält sich auf angenehme Weise dezent zurück, wodurch wenige Textzeilen schon genügen, damit aus einer zufälligen Mitfahrgelegenheit eine ganz persönliche Geschichte wird. Nicht jeder Faden der Story des Spiels führt zum Festival und nicht jede Fahrt muss dort enden. Mehrere Abschlüsse und die wechselnde Zusammensetzung der Welt sorgen dafür, dass eine Reise eher wie eine Erinnerung an einzelne Begegnungen wirkt als wie eine klassische Kampagne.
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Das Gameplay: Gefahren auf dem Armaturenbrett
Keep Driving ist kein Rennspiel. Ihr lenkt Euer Auto nicht selbst, sondern wählt auf einer Karte das nächste Ziel aus und seht anschließend zu, wie der Wagen durch die seitlich vorbeiziehende Landschaft in Sidescroller-Manier rollt. Vor der Abfahrt gilt es abzuschätzen, welche Strecke mit den vorhandenen Vorräten überhaupt machbar ist. Ein kurzer Weg kann riskanter ausfallen, während ein Umweg vielleicht zu einer Werkstatt, einer Tankstelle oder einem Ort mit neuen Jobs führt.
Auf der Straße werdet Ihr mit Schlaglöchern, zähem Verkehr, Tieren, schlechtem Wetter oder anderen Problemen konfrontiert. Diese Ereignisse werden dabei sehr vereinfacht als Reihe farbiger Symbole dargestellt. Jedes einzelne Symbol bedroht eine Ressource wie Energie, Geld, Treibstoff oder den Zustand Eures Autos. Mit eigenen Fähigkeiten, Gegenständen aus dem Handschuhfach und den individuellen Fertigkeiten Eurer Mitfahrer entfernt Ihr passende Symbole, noch bevor sie überhaupt Schaden anrichten. Die Begegnungen laufen dabei rundenbasiert ab und erinnern mehr an ein kleines taktisches Puzzle als an eine Fahrsimulation.

Das System des Spiels ist schnell verstanden, verlangt aber ein wenig Vorbereitung. Fähigkeiten sind auf eine bestimmte Zahl an Einsätzen begrenzt, Lebensmittel beeinflussen den Zustand Eurer Spielfigur und Klebeband kann beispielsweise im richtigen Moment Euren Wagen retten. An einem Zwischenstopp tankt Ihr, schlaft, kauft ein, nehmt Gelegenheitsjobs an oder lasst Reparaturen durchführen. Geld reicht selten für alles. Genau deshalb wird selbst der Kauf eines Snacks zur Abwägung zwischen dem aktuellen Bedarf und der nächsten Etappe.
Auch der Kofferraum spielt eine wichtige Rolle: Gegenstände beanspruchen unterschiedlich viel Platz und müssen in einem Raster untergebracht werden. Dazu kommen Autoteile, persönliche Gegenstände und gelegentlich der sperrige Besitz eines Mitfahrers. In Werkstätten lässt sich der Wagen reparieren, optisch verändern und mit praktischen Erweiterungen versehen. Spätere Fahrten eröffnen außerdem weitere Fahrzeuge mit anderen Platzverhältnissen, Vorteilen und Nachteilen.

Ein Durchlauf dauert abhängig von Route und Ziel ungefähr eine bis vier Stunden. Das Scheitern beendet dabei eine Reise nicht bei jedem Problem augenblicklich, denn mit Geld lässt sich ein Abschleppdienst rufen, zu Fuß kann eine Tankstelle erreichbar sein und unter passenden Voraussetzungen helfen Eure Eltern aus. Dadurch bleibt das Spiel zugänglich, ohne dass die Ressourcen bedeutungslos werden.
Grafik und Sound von Keep Driving: Pixel, Parallaxen und Indie-Rock
Optisch setzt Keep Driving auf detaillierte Pixelgrafik und eine Seitenansicht des Autos. Mehrere Ebenen ziehen im Parallax-Stil mit unterschiedlicher Geschwindigkeit vorbei und verleihen Wäldern, Feldern, Vororten und Wüstenstrecken räumliche Tiefe. Wetterwechsel, Tageszeiten, Schmutz am Fahrzeug und kleine Animationen der Mitfahrer verhindern, dass die Reise wie ein unbeweglicher Hintergrund wirkt. Die Benutzeroberfläche greift den analogen Charakter der frühen 2000er Jahre ebenfalls auf. Karte, Anhänger am Rückspiegel, Handschuhfach und CD-Spieler sind keine bloße Dekoration, sondern Teil der Steuerung des Spiels.

Noch wichtiger ist die Musik. Unterwegs findet oder kauft Ihr CDs verschiedener schwedischer Indie-Bands und stellt daraus die Begleitung für die Fahrt zusammen. Mal treiben Gitarren die Reise voran, mal wird es ruhiger und melancholiser. Der Soundtrack klebt nicht einfach auf dem Spiel, sondern gehört zu seinem Rhythmus. Neue Musik ist zugleich Fundstück, Belohnung und Erinnerung an einen Abschnitt der Route.
Was mir beim Test gefallen hat: Geschichten, die nebenbei entstehen
Am stärksten ist Keep Driving dann, wenn seine einzelnen Systeme gemeinsam eine ungeplante Geschichte erzeugen. Eine falsche Abzweigung kostet wertvollen Sprit, ein zusätzlicher Fahrgast bringt eine hilfreiche Fähigkeit mit, füllt aber gleichzeitig den knappen Kofferraum. Kurz darauf fehlt das Geld für eine Reparatur und aus einem harmlosen Umweg wird plötzlich der prägende Teil der Fahrt. Solche Situationen fühlen sich nicht wie streng festgelegte Missionen an, obwohl natürlich klare Spielregeln dahinterstehen.

Auch die Mitfahrer sind mehr als austauschbare Boni. Ihre Vorteile, Macken und persönlichen Ziele greifen direkt in das Ressourcenmanagement ein. Dadurch wird eine Figur nicht allein durch Dialoge charakterisiert, sondern auch dadurch, was sie im Auto anrichtet oder was diese in einer schwierigen Situation beitragen kann. Zusammen mit der atmosphärischen Musik und den vorbeiziehenden Landschaften entsteht ein Roadtrip-Gefühl, das keine offene 3D-Welt und kein frei steuerbares Auto benötigt.
Was mir nicht gefallen hat: Abstrakte und wiederkehrende Hindernisse
Das rundenbasierte Ereignissystem passt funktional zum Ressourcenmanagement, bildet die dargestellten Situationen aber nur sehr abstrakt ab. Ob ein Traktor den Weg blockiert oder sich ein Tier auf der Straße befindet: Am Ende entfernt Ihr doch nur farbige Symbole mit passenden Fähigkeiten. Die Verbindung zwischen Problem und Lösung ist dadurch nicht immer nachvollziehbar. Nach mehreren Fahrten wiederholen sich zudem Ereignisse und Abläufe, wodurch die anfängliche Überraschung spürbar nachlässt und ihr einfach nur noch fast im Autopilot reagiert.

Die Inventarverwaltung ist ebenfalls nicht durchgehend unterhaltsam. Platzmangel gehört zwar zum Konzept des Spiels und zwingt Euch zu wichtigen Entscheidungen, doch das Verschieben größerer Gegenstände und die Verteilung auf verschiedene Ablagen wirken teilweise unnötig sperrig. Sobald die grundlegenden Zusammenhänge verstanden sind und der Wagen verbessert wurde, sinkt außerdem die Herausforderung. Der Wiederspielwert entsteht deshalb eher durch neue Figuren, Routen und Enden als durch ein stetig anspruchsvoller werdendes Taktiksystem.
Keep Driving: Mein Fazit
Keep Driving vom Indie-Entwickler YCJY Games findet eine ungewöhnliche Antwort auf die Frage, wie sich ein Roadtrip als Spiel im Sidescroller-Stil umsetzen lässt. Nicht das Lenken steht hier im Mittelpunkt, sondern alles, was eine lange Fahrt begleitet: Knappe Vorräte, spontane Bekanntschaften, gute und schlechte Entscheidungen, riskante Umwege und die richtige Musik. Die Mischung aus Ressourcenmanagement und kleinen Geschichten trägt das Spiel besonders während der ersten Reisen.
Das abstrakte Ereignissystem bleibt dabei der schwächste Teil. Es ist leicht zu lernen und bindet Gegenstände, Fähigkeiten sowie Mitfahrer sinnvoll ein, nutzt sich aber früher ab als die Atmosphäre des Spiels. Auch das Inventar könnte komfortabler funktionieren. Wer ein klassisches Fahrspiel erwartet, sitzt deshalb hier im falschen Wagen. Wenn Ihr Euch dagegen auf ein ruhiges Rollenspiel mit kurzen Durchläufen, viel Retro-Pixelcharme und erzählerischen Zufällen einlassen könnt, lohnt sich mehr als eine Runde über die Landkarte.



























